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Engelhard, Hermann

Hermann Engelhard, Amsterdam 1928

 

Persönliche Daten

Geboren am: 21.06.1903

Geboren in: Darmstadt

Gestorben: 06.01.1984

Gestorben in: Mühltal

 

Ehefrau: Ruth, geborene Becker

Hochzeit: 12.05.1932 in Berlin-Zehlendorf

Kinder: Frank (1936 - 2015) und Bernd (geboren 1940)

Wohnorte:
Darmstadt (1903 – 1927)
Berlin (1927 – 1937)
Stuttgart (1937 – 1942)
Weil im Schönbuch (1942 – 1946)
Darmstadt (1946 – 1982)
Mühltal (1982 – 1984)

 

Vereine als Aktiver:
SV Darmstadt 98 (1924 – 1927)
SC Teutonia 1899 Berlin (1928 – 1931)
SV Siemens Berlin (1931 – 1934)


Veröffentlichungen:
Leistungsschulung des Mittelstrecklers, Schriftenreihe des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen, Heft 2, Wilhelm Limpert Verlag Berlin, 1937

Leichtathletik Fibel, Eine Lehrbuchreihe des DLV, Band 3, Hermann Engelhard, Der Mittelstreckenlauf, Verlag Sport und Leibesübungen, Harry Bartels Berlin, 1950

>>> Hermann Engelhard: Beruflicher Werdegang und Ehrenämter

 

 

Olympische Spiele 1928: Silber und Bronze in Amsterdam

 

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die deutsche Mannschaft von den Olympischen Sommerspielen 1920 (Antwerpen) und 1924 (Paris) ausgeschlossen. Die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam boten deutschen Sportlerinnen und Sportlern nach langer Zeit wieder einmal Gelegenheit sich auf der olympischen Bühne zu beweisen. 10 x Gold, 7 x Silber und 14 x Bronze standen am Ende für die deutsche Mannschaft zu Buche. Ein Leichtathlet aus Darmstadt war dabei an zwei Medaillen-Gewinnen beteiligt: Hermann Engelhard.

 

Über Vor- und Zwischenläufe hatte sich Hermann Engelhard für den Endlauf über 800 Meter qualifiziert. Neun Athleten fanden sich am 31. Juli 1928 gegen 16:30 Uhr im Startbereich des Olympiastadions von Amsterdam ein, um sich zunächst einmal eine günstige Ausgangsposition für das bevorstehende Rennen zu sichern. Bahnverteilung und Startaufstellung richteten sich zu jener Zeit noch nicht nach den Ergebnissen der Qualifikationsläufe, sondern wurden jeweils unmittelbar vor dem Rennen durch Losverfahren bestimmt. Der Rennbeginn wurde schließlich durch den Schuss aus der Starterpistole eingeleitet; eine weithin sichtbare weiße Rauchwolke umhüllte den Starter.

Im Offiziellen Werk über die Olympischen  Spiele 1928, herausgegeben vom Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen, wird die Endphase des Rennens wie folgt beschrieben:

„100m vor dem Ziel fiel die erste Entscheidung. Lowe begann zu spurten, kam überraschend leicht an Hahn vorbei und hatte sich gleich einen großen Vorsprung gesichert. Hinter ihm gab es einen großen Kampf um den 2. Platz. Der Schwede Bylehn, der sich mit Engelhard etwas im Hinterfeld aufgehalten hatte, kam mit diesem gut auf. Auch ihn mussten Hahn und Edwards im Spurt vorbeilassen. Auf den letzten Metern konnte Engelhard noch den Amerikaner niederringen und so einen sehr guten dritten Platz in diesem auserlesenen Feld belegen.“

 

Endlauf über 800 Meter: Noch liegt Hermann Engelhard an 7. Stelle

Fred Hildebrand vom Berliner Tagblatt kommentiert das Geschehen aus der Sicht eines mitfiebernden Berichterstatters in der Sprache jener Epoche: „Die schnellsten Läufer der Welt, die größten Namen rasen vor ihm (Engelhard) her in der Spitzengruppe, da sieht man ihn in einem einzigen Anlauf kurz vor dem Ziele, wie plötzlich durchfiebert von einer unwiderstehlichen Kraft, vorpreschen, als Dritter schnellt er, Dritter unter den besten Dreien der Welt, durch das Band.“

>>> Den kompletten Bericht aus dem Berliner Tagblatt finden Sie hier

In seinen persönlichen Aufzeichnungen beschreibt Hermann Engelhard die gleiche Situation aus der Sicht des beteiligten Läufers: „Im Endlauf wollte ich mich in guter Position im Felde halten und etwa 200 Meter vor dem Ziel alle Kräfte einsetzen. Das Feld war aber so dicht geschlossen, daß ich verschiedene Male schwer gerempelt wurde. Bei 600 Meter konnte ich nicht heraus. Erst ausgangs der letzten Kurve bekam ich freien Raum. Fast alle lagen vor mir, an Edwards, Martin und Hahn kam ich noch vorbei. Lowe war zu weit weg und auch Byhlen konnte ich nicht mehr erreichen. Im Ziel war ich mit meinen Kräften noch nicht zu Ende. Mein dritter Platz in diesem schwersten aller bisherigen 800 Meterläufe freut mich sehr.“

4 x 400: Silber für Engelhard und die Staffel

Die Zeiten der Medaillengewinner:

Gold – Douglas Lowe (England), 1:51,8 min (olympischer Rekord)
Silber -  Erik Byléhn (Schweden), 1:52,8 min
Bronze – Hermann Engelhard (Deutschland), 1:53,2 min

Gemeinsam mit Otto Neumann, Werner Storz und Richard Krebs gewann Hermann Engelhard in Amsterdam auch die Olympische Silbermedaille in der 4x400-Meter-Staffel.

Die Zeiten der Medaillengewinner:

Gold: USA (Baird, Adlerman, Spencer, Barbutti), 3:14,2 min (Weltrekord)
Silber: Deutschland (Neumann, Storz, Krebs, Engelhard), 3:14,8 min
Bronze: Kanada (Wilson, Edwards, Glover, Ball), 3:15,4 min

Die deutsche Staffel unterbot im Endlauf ebenfalls den bis dahin bestehenden Weltrekord über diese Distanz.

Von Darmstadt nach Berlin

Zwar hatte Hermann Engelhard im Trikot des SV Darmstadt 98 in den Jahren 1925, 1926 und 1927 bei den Deutschen Meisterschaften jeweils den zweiten Platz auf der 800-Meter-Distanz erreichen können. Nach seinem Umzug nach Berlin (1927), wo er an der Hochschule für Leibesübungen ein Studium zum Diplom-Sportlehrer begann, sollte aber ein weiterer Leistungssprung folgen.

Hermann Engelhard hatte sich dem SC Teutonia 1899 Berlin angeschlossen und errang im Trikot dieses Vereins 1928 seinen ersten Deutschen Meistertitel über 800 Meter (1:52,4 Minuten), dem ein weiterer Meistertitel mit der 4 x 400-Meter-Staffel folgte. Am 8. September 1928 stellte Engelhard in Paris mit 47,6 Sekunden eine Weltjahresbestzeit über 400 Meter auf.

Lauf-Ästhetik: Hermann Engelhard
Lauf-Ästhetik: Hermann Engelhard (Sammelbild)

Bernd Engelhard, Sohn des Silber- und Bronzemedaillengewinners, geht davon aus, dass sein Vater auch 1928 noch nicht wirklich wusste, wie gut er eigentlich war. „Er bummelte immer im hinteren Teil des Feldes herum und glaubte, alles mit seinem Endspurt regeln zu können. Bei anderer Renneinteilung wären sicherlich immer mal wieder bessere Ergebnisse möglich gewesen. Nach seinen Erfolgen bei den Olympischen Spielen und der Weltjahresbestzeit über 400 Meter galt er jedoch als der Mann, der deutschen Erfolge bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles garantieren sollte.“

Wie so oft sollte es aber anders kommen ...

Nach dem Box-Unfall
Hermann und Ruth Engelhard

Bernd Engelhard: „Mein Vater musste während seiner Sportlehrer-Ausbildung viele Sportarten ausüben, auch Skilaufen, Hockey, Handball und Boxen gehörten dazu. Während eines Boxtrainings am 13. Februar 1929 kam es zu einem tragischen Unfall. Der Übungseiter rief meinem Vater während des Sparrings ein paar Anweisungen zu; mein Vater war durch diese Ansprache abgelenkt, und in diesem Augenblick schlug sein Gegner zu. Mein Vater stürzte dann mit dem Kopf auf den Betonboden und zog sich schwere Verletzungen zu.“

„Der Befund: Schädelbasisbruch, Bruch im Gehörgang, Blutaustritt in Gehirn und Rückenmark und eine fast 100-stündige Bewusstlosigkeit. Das war so besorgniserregend, dass man staunt, wenn der wackere Darmstädter seine glühende Sehnsucht äußert, in Bälde wieder auf der Aschenbahn zu erscheinen. (Quelle BZ am Mittag)

Hermann Engelhard kehrte tatsächlich bald auf die Aschenbahn zurück. Bei den Brandenburgischen Meisterschaften im Juli 1929 siegte er über 400 Meter, bestritt verschiedene Länderkämpfe und nahm im Herbst 1929 an einer dreimonatigen Wettkampfreise nach Fernost teil. Anscheinend hatte der Boxunfall jedoch seine Spuren hinterlassen. Seine Spitzenleistungen aus dem Jahr 1928 erreichte Hermann Engelhard nicht mehr.

Einen Erfolg ganz anderer Art konnte Hermann Engelhard während seiner Berliner Zeit dann allerdings doch noch verbuchen. Am 12. Mai 1932 heiratete er in Berlin-Zehlendorf Ruth Becker, ebenfalls eine Top-Leichtathletin. Die beiden hatten sich während des Studiums an der Hochschule für Leibesübungen kennengelernt. Die gemeinsamen Söhne erblickten 1936 (Frank) und 1940 (Bernd) das Licht der Welt.

>>> Zum Sport-Portrait Ruth Engelhard, geborene Becker

Hermann Engelhard engagierte sich zu dieser Zeit zunehmend als Betreuer und Trainer im Umfeld der Leichtathletik. Er startete als Vereinssportlehrer beim SV Siemens Berlin (Bernd Engelhard: „Ein alter Siemens-Staubsauger stand bis zuletzt bei uns daheim in der Ecke.“) und betreute schließlich als Reichssportlehrer und Olympia-Trainer die deutschen Mittelstreckler bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

Über die Zeit der Nazi-Diktatur hat sich Hermann Engelhard später nur sehr selten geäußert. Bernd Engelhard: „Über seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse während des Krieges hat mein Vater nur extrem selten gesprochen. Das tritt auch generell auf die damalige Zeit zu. Er musste ja Parteimitglied sein, um Olympiatrainer werden zu können, wurde aber während der Kriegsgefangenschaft innerhalb kürzester Zeit entnazifiziert. Mein Vater war in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewesen und wurde 1946 nach Weil in Schönbuch entlassen, wohin meine Mutter, mein Bruder und ich 1942 evakuiert worden waren.“

 

Wieder in Darmstadt

Bald darauf zog es Hermann Engelhard wieder zurück in seine Heimatstadt Darmstadt. Er hatte zusammen mit seinem Bruder das Haus seiner Eltern in der Darmstädter Viktoriastraße geerbt. Das Haus war trotz der Kriegsereignisse, die auch in Darmstadt großen Schaden angerichtet hatten, nicht völlig zerstört. Nur das Dach war stark beschädigt worden. Ein Nachbar, an dessen Haus eine Fliegerbombe ähnliche Schäden angerichtet hatte, hatte das Dach schon weitestgehend instand gesetzt. Als Gegenleistung für seinen Einsatz durfte der Nachbar dann das Ladenlokal im Erdgeschoss des Engelhardschen Hauses nutzen. Der Rückkehr nach Darmstadt lagen also durchaus praktische Erwägungen zu Grunde.

Zurück in Darmstadt engagierte sich Hermann Engelhard in seinem Stammverein, dem SV Darmstadt 98, wo er mithalf, die Leichtathletikabteilung des Traditionsvereins wiederzubeleben. Das Stadion am Böllenfalltor war zu der Zeit noch von den Amerikanern belegt, die Sportler durften es aber zu festgelegten Zeiten nutzen. Als Umkleidekabine diente ein alter Eisenbahnwagen.

In den folgenden Jahren war Hermann Engelhard als Sportlehrer und Trainer tätig. Vor allem die Trainertätigkeit für den Hessischen Leichtathletik-Verband (1950 – 1960) führte ihn immer wieder kreuz und quer durch das Bundesland. „Als ich  Kleinkind war, also während des Krieges, habe ich meinen Vater nur sehr selten gesehen. Als ich Heranwachsender war, war mein Vater ständig in Hessen unterwegs, auch am Wochenende. Er hatte dann montags frei, stieg aber meist dienstags wieder auf sein Motorrad oder in einen VW-Käfer, um irgendwo in Hessen Trainingseinheiten oder Lehrgänge abzuhalten. Außerdem betreute er regelmäßig Freizeiten in anderen Bundesländern,“ erinnert sich sein Sohn Bernd.

 

Als Trainer und Ausbilder unterwegs
Trainer auch abseits der Laufbahn
Betreuung von Jugendfreizeiten

1961 wechselte Hermann Engelhard als Sportlehrer an die Darmstädter Justus-Liebig-Schule, wo er bis zu seiner Pensionierung als Sportlehrer tätig war. Auch seine Frau Ruth war zu jener Zeit an der Lio, wie die Justus-Liebig-Schule in der Öffentlichkeit kurz genannt wird, angestellt. Als dann 1967 auch noch ihr Sohn Bernd als Referendar an der Lio unterkam, war der Name Engelhard gleich dreifach im Lehrerkollegium der Lio vertreten. Das Darmstädter Echo widmete dem Lehrertrio 1967 einen umfangreichen Bericht und bezeichnete die Engelhards als „eine der bekanntesten Sportfamilien unserer Stadt.“

Am 6. Januar 1984 verstarb Hermann Engelhard im südhessischen Mühltal. Er wurde auf dem Darmstädter Waldfriedhof beigesetzt. Die Grabstätte ist heute nicht mehr vorhanden.

Erinnerungen

Zurückgeblieben sind die Medaillen, Fotos und Dokumente aus der Glanzzeit des Sportlers. Die alten Unterlagen sind vergilbt und teilweise kaum noch nutzbar. Einige Dokumente wurden schon für mehrere Wochen in der Tiefkühltruhe gelagert, um Keime und Schädlinge abzutöten. Der Ehrenpreis des französichen Präsidenten, eine Vase in zeitlosem Design, den der Leichtathlet 1928 für seine herausragenden Leistungen erhalten hatte, steht auch heute noch im Engelhard´schen Wohnzimmer.

Und sonst?

Geblieben sind die Erinnerungen des Sohns, teils vage, teils sehr konkret: „Mein Vater hatte kaum private Verbindungen mit anderen Sportlern, das hat er wenig gepflegt. Er hat auch nur sehr selten etwas über andere Sportler erzählt, nur den Otto Peltzer, ein Konkurrent in den 20er Jahren, mochte er irgendwie nicht. So weit ich weiß, hat mein Vater auch die Fußballspiele der 98er nicht besucht.“

„Da wir ja beide an derselben Schule unterrichtet haben, werde ich manchmal von ehemaligen Schülerinnen und Schülern auf die Zeit im Darmstädter Schuldienst angesprochen. Dass ich auf die sportlichen Erfolge meines Vaters angesprochen werde, ist weitaus seltener.“

„Recht häufig sind Wünsche an mich herangetragen worden, die die Olympia-Medaillen oder eine Original-Unterschrift meines Vaters betreffen. Die Medaillen geben wir nicht her, und von der Unterschrift meines Vaters könnte ich höchstens eine Kopie machen.“

 

Die Gespräche mit Bernd Engelhard wurden im Januar 2017 geführt.
Dokumente und Fotos stammen aus dem Archiv der Familie Engelhard, in vielen Fällen ist die Herkunft der Belege unbekannt.
Die Verwendung der diesen Beitrag illustrierenden Dokumente ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Familie Engelhard zulässig.