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Künzel, Ingrid (heute: Ingrid Reinhardt)

Persönliche Daten

Geboren am: 29.01.1938
Geboren in: Darmstadt
Heirat 1961 mit Lutz Reinhardt (verstorben 2005)
Kinder: Wulf (*1962), Tim (*1965), Anke (*1967)
Wohnort: Mühltal

>>> Ingrid Künzel: Vom Woog zu Deutschen Meisterschaften

>>> Ingrid Künzel: Melbourne - Olympische Sommerspiele 1956

>>> Ingrid Künzel: Erfolge und Rekorde

Kriegsjahre

Sie wurden in Darmstadt geboren, wo haben Sie gewohnt?
Bis zu meinem vierten Lebensjahr haben wir in der Herderstraße 16 gewohnt. Dann kamen die ersten Bomben. Mein Vater war der Ansicht, dass es für seine Familie in Darmstadt zu gefährlich würde, und hat uns, meine Mutter, meinen Bruder und mich, in den Odenwald geschickt. Er selbst war an der Front.

Wo im Odenwald sind Sie untergekommen?
Das war in Ebersberg, zwischen Hetzbach und Erbach.

Warum gerade Ebersberg? Hatten Sie dort Verwandte?
Meine Tante hatte Verbindung zu einem Bauernhof in Ebersberg. Dort hat man sie mit ihrer Tochter und uns mit offenen Armen aufgenommen und in einem eigenen kleinen Häuschen untergebracht.
In der Mümling, die ja ganz in der Nähe entspringt, habe ich schwimmen gelernt. Man hatte das Quellwasser dort an einer Stelle gestaut, so dass sich ein kleines Becken bildete, in dem man schwimmen konnte. Das Wasser war an dieser Stelle an die zwei Meter tief und EISKALT! Für meine späteren Schwimmaktivitäten war ich also gerüstet.

Ingrid Künzel (links) mit Onkel und Cousine
Brandnacht (Quelle: Stadtarchiv DA)

>>> Mehr Informationen zur Brandnacht im Stadtlexikon Darmstadt

Dort waren Sie dann sicher?

Sicherer als in Darmstadt auf jeden Fall, aber es gab auch dort immer mal wieder Angriffe von Tieffliegern. Einmal sind auch Bomben über uns abgeladen worden, da war ich gerade sechs Jahre alt. Zum Glück hatten wir uns rechtzeitig in einen Gewölbekeller begeben. An meine Todesangst kann ich mich noch gut erinnern und das Geräusch der Detonationen habe ich noch heute im Ohr. Aber, wie gesagt, in Darmstadt war es bedeutend schlimmer!

Was wissen Sie darüber?
Meine Oma war in Darmstadt geblieben und mein späterer Mann hat während der Zeit in der Nähe der Pauluskirche gewohnt. Vor allem aus deren Schilderungen habe ich ein Bild darüber gewinnen können. In der Brandnacht vom 11. auf den 12. September 1944, in der Darmstadt bombadiert und in Schutt und Asche gelegt wurde, war ich sechs Jahre alt.

Wo war Ihr Vater zu diesem Zeitpunkt?
Mein Vater ist im Mai 1944 gefallen. Im Grunde habe ich ihn gar nicht richtig kennengelernt. Meine Mutter hat getan was sie konnte und ihn voll ersetzt. Sie war eine unheimlich starke Frau.

Wann sind Sie nach dem Krieg nach Darmstadt zurückgekehrt?
Das hat nach Kriegsende noch eine ganze Weile gedauert. Erst 1948 gingen wir nach Darmstadt zurück. Das Haus in der Herderstraße war noch bewohnbar, aber in unsere Mietwohnung war eine andere Familie eingezogen. Es herrschte ja überall große Wohnungsnot, und eine bewohnbare Wohnung durfte einfach nicht leer stehen. Für uns war das zunächst ein großes Problem.

Mit welcher Lösung?
Die Druckerei meiner Großeltern Künzel lag in Trümmern, und wir machten uns daran das Grundstück aufzuräumen. Eine "Druckerei Künzel" gab es erst Jahre später an anderer Stelle wieder, nachdem mein großer Bruder Horst seine Ausbildung zum Buchdruckmeister beendet hatte.

Mit dem Aufräumen der Trümmer war es aber sicherlich nicht getan.
Nein, da musste harte Arbeit geleistet werden. Backsteine wurden gesäubert und Stück für Stück aufeinander geschichtet. Der nötige Speis wurde aus Wasser und Sand gemacht, und es ist schon fast ein Wunder, dass uns die Wände nicht über den Köpfen zusammengefallen sind.

Das klingt nicht sehr komfortabel.
Alles war nur Behelf, aber wir waren froh, hier untergekommen zu sein. Ein Bad war nicht vorhanden, die Körperpflege fand am Waschbecken statt. An Warmwasser aus der Leitung war ja damals ohnehin noch nicht zu denken. Wer warmes Wasser haben wollte, musste es sich auf dem Ofen erhitzen. Woher zum Beispiel die Türen in unserer Unterkunft kamen, weiß ich heute nicht mehr, aber meine Mutter war schon sehr erfinderisch und fand fast immer einen Weg, wenn etwas benötigt wurde. Hier und da waren auch mal Zigaretten als Tauschware da, und die wurden in der Nachkriegszeit sehr hoch gehandelt.

Wie lange haben Sie dort gewohnt?
Meine Mutter, mein Bruder und ich haben zusammen bis 1961 dort gewohnt. Dann haben mein Mann und ich eine Wohnung in der Erbacher Straße bekommen. Für mich war das eine erhebliche Verbesserung.

Ausbildung und der Einstieg ins Berufsleben

Welche Schulen haben Sie besucht?
Zunächst die Grundschule in Ebersberg. Da waren acht Jahrgänge in einem Raum untergebracht. Ich erinnere mich noch gut an meine Lehrerin in der ersten Klasse. Sie las uns biblische Geschichten vor, ein entscheidender Grund dafür, mich mit sieben Jahren auf eigenen Wunsch taufen zu lassen. Offensichtlich wurden schon damals die Weichen gestellt für mein späteres Gottesbild.
Nach der Rückkehr nach Darmstadt habe ich ein Jahr lang die Mornewegschule besucht und danach die Ursulinenschule, heute Edith-Stein-Schule, die ich mit der mittleren Reife abgeschlossen habe. Nach dem mittleren Schulabschluss konnte ich noch ein Jahr die höhere Handelsschule besuchen, wo ich Schreibmaschine und Steno lernte und zur Sekretärin ausgebildet wurde. Für ein Studium fehlte damals das Geld.

Haben Sie danach als Sekretärin gearbeitet?
Ich bin dann 1954 bei der Deutschen Bundespost, genauer gesagt beim Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt eingestellt worden. Heute würde man meine Tätigkeit mit Bürokauffrau beschreiben. Für mich war die Anstellung ein Glücksgriff, denn mein Arbeitgeber hat mich bei meiner späteren Schwimmkarriere immer sehr großzügig unterstützt.
1958 bin ich zur Stadt Darmstadt gewechselt; dort war ich beim Sportamt angestellt.

Lutz Reinhardt, Laufstudie
Lutz Reinhardt, nach dem Zehnkampf

Persönliches und Familiäres

Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt?
Im Umfeld der Olympischen Spiele in Melbourne 1956 habe ich einige Leichtathleten aus der deutschen Mannschaft kennengelernt, unter anderem den Sprinter Manfred Germar, Bert Steines und Karl-Friedrich Haas. Ich hatte dann den Wunsch, diese Mannschaftskollegen wiederzusehen und bin zusammen mit einigen Freunden zu den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften 1957 nach Düsseldorf gefahren. Meine Olympia-Bekanntschaften habe ich dort dann nicht mehr so richtig vertiefen können, da ich bereits am ersten Tag den Darmstädter Leichtathleten Lutz Reinhardt kennenlernte – einen sehr attraktiven Mann! Von dem Tag an haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren.

In welchen Disziplinen war Ihr späterer Mann aktiv?
Bei den Deutschen Meisterschaften 1957 in Düsseldorf wurde er Fünfter über 200 Meter Hürden. Wenige Tage zuvor war er bei den 200 Meter Hürden Süddeutscher Meister geworden.
1957 wurde er Deutscher Hochschulmeister im Zehnkampf. Ein Jahr später belegte er mit der Mannschaft Platz 1 bei den Hessischen Mehrkampfmeisterschaften.

Sie haben zusammen drei Kinder.

Lutz war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Heute ist mir das bewusster denn je.
Wir heirateten im Sommer 1961. In den Jahren 1962, 1965 und 1967 kamen Wulf, Tim und Anke zur Welt. Inzwischen gibt es sieben Enkelkinder.
Das Glück war jahrzehntelang perfekt, bis mein Mann - immer gesund, nie geraucht, er trank lieber Säfte statt Bier - von jetzt auf gleich an einem bösartigen Tumor erkrankte und nach relativ kurzer Zeit von uns ging. Die lebensgefährliche Leukämieerkrankung unseres damals 16jährigen Enkels Beni hat er zum Glück nicht mehr erlebt. Nach Schmerzen, Chemotherapie und endlosem Hoffen und Bangen fand sich endlich ein passender Knochenmarkspender mit fast 90prozentiger Übereinstimmung der wichtigsten Merkmale. Beni konnte so - Gott sei Dank - gerettet werden.
Alles in allem haben wir in unserem Leben auch immer wieder sehr viel Glück gehabt.

Wann haben Sie Ihre Karriere als aktive Schwimmerin beendet?
Nachdem ich meinen Mann kennengelernt hatte, habe ich mich ganz allmählich aus dem Schwimmsport zurückgezogen. Das Feuer war nicht mehr vorhanden.
1962 wurde unser erster Sohn geboren. Da blieb weniger Zeit für andere Betätigungen. Familie und Beruf wurden immer wichtiger.
Schwimmen war ein Abschnitt in meinem Leben gewesen, und dieser Abschnitt war vorüber.

Haben Sie über den Sport dauerhafte Freundschaften geschlossen?
Über den Sport habe ich Harry Valerien kennengelernt. Er wurde einer meiner besten Freunde. Ein ganz toller Mensch.

Wie haben Sie sich nach Ihrer aktiven Zeit fit gehalten?
Ich bin fast täglich gelaufen, obwohl mir das Laufen nie richtig Spaß gemacht hat. Geschwommen bin ich eher selten.
Bogenschießen hat mir sehr großen Spaß gemacht. Leider habe ich diesen Sport wegen immer wiederkehrender Schmerzen und Entzündungen im rechten Arm nicht lange ausüben können.
Anfang der 1980er Jahre begannen Lutz und ich beim TEC in Darmstadt Tennis zu spielen - mit großem Spaß, aber nicht mit Perfektion. Fast zwei Jahrzehnte habe ich mit Begeisterung Tennis gespielt. In positiver Erinnerung sind mir die Begegnungen mit den Freunden aus Darmstadts Partnerstadt Chesterfield geblieben. Nach rund 20 Jahren ging es aber gesundheitlich nicht mehr, so dass ich mich vom Tennis zurückgezogen habe.

Wie halten Sie sich heute fit?
Heute gehe ich mit dem Hund spazieren, meist dreimal am Tag. Das tut mir sehr, sehr gut.

Harry Valerien mit Ehefrau, Ingrid Künzel
Ingrid Künzel mit Hündin Shenna

Darmstadt

Welche Personen fallen Ihnen ein, wenn Sie an Darmstadt denken?
Zunächst einmal einige Namen aus dem Schwimmsport: Hennes Köhler, die Trainer Eugen Richter, Walter Conrad und Klaus Hohlfeld, der zuständig für die Trainingspläne war.
Oberbürgermeister Günter Metzger und sein Bruder Eberhard, ein Mitglied der erfolreichen 98er Zehnkampfmannschaft, und später einer unserer Trauzeugen.

Was gefällt Ihnen an Darmstadt?
Der Woog war viele Jahre meine sportliche Heimat; ich mag ihn immer noch. Auch das Jugendstilbad gefällt mir sehr gut.

Was gefällt Ihnen an Darmstadt nicht?
In der Innenstadt geht alles sehr hektisch zu. Man sieht nur rennende Menschen, niemand hat Zeit, keiner nimmt Rücksicht auf seine Mitmenschen. Die Menschen scheinen insgesamt rabiater geworden zu sein. Heimisch fühle ich mich ohnehin eher in Bessungen.

Sind Sie heute noch häufig in Darmstadt?
Nein.


Das Gespräch mit Ingrid Reinhardt wurde am 26. September 2017 geführt; Gesprächspartner: Rainer Paepcke.
Text: Nachdruck und jegliche Art der Vervielfältigung und Weiterverbreitung (auch auszugsweise) nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Deutschen Olympischen Gesellschaft, Zweigstelle Darmstadt.
Fotos: Die Fotos entstammen dem Privatarchiv von Ingrid Künzel. Nachdruck und jegliche Art der Vervielfältigung und Weiterverbreitung nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Ingrid Künzel.