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Fritz Schilgen: Der Olympische Fackellauf 1936



Kronberger Anzeiger, 4. August 1936

Der Anruf

„Da läutet das Telefon in seine Gedanken. Wie so oft am Tag nimmt er das Höhrrohr von der Gabel – um wenige Minuten später vor starrem Erstaunen und überströmender Freude zu vergessen, es wieder aufzulegen. Wie war dies eben? Der Mann im Laboratorium hat Mühe, das Telefongespräch zu überdenken. Ja, richtig, als er sich mit „hier Fritz Schilgen“ meldete, vernahm er diese Worte, die ihm das schönste und unvergeßliche Ereignis seines Lebens kündeten.“

„Hier Ritter von Halt!“ tönte es durch den Draht „ich habe die Ehre, Ihnen die Mitteilung machen zu dürfen, daß Herr von Tschammer und Osten Sie zum Schlußmann des olympischen Fackellaufes bestimmt hat. Kommen Sie bitte sofort zu einem Probelauf auf das Reichssportfeld.“

 „Ganz unerwartet wurde ihm eine Ehre zuteil, die Tausende von deutschen Sportsleuten für sich ersehnt haben: Er trägt das Heilige Feuer in feierlichem Lauf vom Eingang des Reichs-Sportfeldes zum Flammenaltar am Marathontor, um in der großen Opferschale die Olympische Flamme zu entzünden und damit das lodernde Zeichen zum Beginn der XI. Olympischen Spiele zu geben. Unter den Augen des Führers, der Reichsregierung, der Ehrengäste und aller Zuschauer, die das weite Oval des Reichssportfeldes Sonnabend mittag füllen werden, wird er die Flamme zum Ziele führen, die 3600 seiner Sportkameraden durch sieben Länder trugen.“ .

(Quelle: Kronberger Anzeiger, 4. August 1936)

Wenige Tage nach Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Berlin veröffentlichte der Kronberger Anzeiger einen umfangreichen Beitrag über die Ereignisse, die das Leben von Fritz Schilgen entscheidend beeinflussten.

Wer aber war dieser Fritz Schilgen, der als Schlussläufer des ersten Fackellaufs in der Geschichte der Olympischen Spiele das Olympische Feuer bei den Sommerspielen 1936 in Berlin entzünden sollte?

Plakat der Reichsbahnzentrale, Januar 1936; (Ausstellung Olympiaturm, Berlin)

1936: Geburtsstunde des olympischen Fackellaufs

Auf Anregung des Berliner Organisationskomitees fand 1936 erstmals ein Fackelstaffellauf statt. Vor allem Carl Diem hatte sich für diese Neuerung bei Olympischen Spielen eingesetzt. Das Feuer wurde im Heiligen Hain des antiken Olympia mittels eines Brennglases entfacht. 3187 Kilometer legte das Feuer auf seinem Weg nach Berlin zurück. Weit mehr als 3.000 Läufer trugen die Fackel durch sieben Länder, bevor am 1. August 1936 schließlich das Olympische Feuer im Berliner Olympiastadion entzündet werden konnte.

Ab dem 21. Juli 1936 trugen insgesamt 3.075 Läufer das Feuer aus dem antiken Olympia in die deutsche Hauptstadt. Während des Laufs kam es zu zahlreichen Demonstrationen für oder gegen die nationalsozialistischen Machthaber.

Die Fackelträger nach Ländern:
Griechenland (1108 Läufer)
Bulgarien (238 Läufer)
Jugoslawien (575 Läufer)
Ungarn (386 Läufer)
Österreich (219 Läufer)
Tschechoslowakei (282 Läufer)
Deutschland (267 Läufer)

Auf einem Plakat stellte die Deutsche Reichsbahn den Weg des Olympischen Feuers durch Europa dar. Weil das Plakat das Sudetenland als Teil des Deutschen Reiches zeigte, gab es Proteste und ein Verbot durch die tschechoslowakische Regierung. Das Plakat wurde später ausgetauscht.

Fritz Schilgen und das Auswahlverfahren

Vor der endgültigen Zusage durch das Organisationskomitee hatte Fritz Schilgen zunächst einmal ein Auswahlverfahren zu durchlaufen. Die zur Auswahl stehenden Kandidaten sollten erfolgreiche Sportler mit einwandfreier Persönlichkeit sein und möglichst der NSDAP oder der Wehrmacht angehören. Neben Schilgen, der weder der Partei noch der Wehrmacht angehörte, standen der Zehnkämpfer Hermann Lemperle (NSDAP-Mitglied) und der Diskuswerfer Erich Reymann (Wehrmachtssoldat) in der engeren Auswahl.

Während Lemperle als vorletzter Läufer die Fackel übernehmen durfte, wurde Fritz Schilgen schließlich die Ehre zuteil, als erster Mensch das Olympische Feuer am Wettkampfort entzünden zu dürfen.

Ausschlaggebend für die Wahl von Fritz Schilgen soll die Einschätzung der Filmemacherin Leni Riefenstahl gewesen sein, für die Fritz Schilgen das Ideal des germanischen Athleten verkörperte. Leni Riefenstahl war die Regisseurin der beiden künstlerisch hochgelobten Olympia-Filme „Fest der Schönheit“ und „Fest der Völker“. Beide Filme waren ganz im Sinne der Auftraggeber stark der Nazi-Propaganda verpflichtet. Der Lauf von Fritz Schilgen und die Zeremonie rund um das Entzünden des Olympischen Feuers wurden von Leni Riefenstahl stimmungsvoll herausgearbeitet.

Der Schlussläufer (Sammelbild, Cigaretten Bilderdienst, 1936)

Fackellauf 1936: Die letzten Meter

Schilgen war nach eigenen Aussagen vor seinem Einsatz als Schlussläufer sehr nervös. Zu den Klängen der „Ode an die Freude“ („Freude schöner Götterfunken“), dem von Friedrich Schiller geschriebenen und von Ludwig van Beethoven vertonten Gedichttext, lief er schließlich die Stufen zur Feuerschale hinauf. Damit war sein Auftrag beendet.

Notiz am Rande: Nach seinem Abgang erwartete Fritz Schilgen seinen Trainingsanzug vorzufinden. Der war allerdings nicht aufzufinden und vermutlich gestohlen.

Die sporthistorische Dimension des Vorgangs im Berliner Olympiastadion ist immens. Die Minuten vor dem Entzünden der Flamme werden immer wieder beschrieben.

So schwärmte die deutsche Leichtathletin Gisela Mauermayer, die bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 die Goldmedaille im Diskuswurf gewann, noch viele Jahre später vom wundervollen Laufstil des Schlussläufers Fritz Schilgen. Vom Moment als das Olympische Feuer entzündet wurde, zeigte sie sich rückblickend mehr bewegt als vom eigenen Wettkampfsieg.

Fritz Schilgen an der Feuerschale

Auch die lokale und überregionale Presse griff das Ereignis immer wieder auf:

„Der damals dreißigjährige Fritz Schilgen lief in verhaltenem Laufschritt vom Osttor kommend eine halbe Runde über die Aschenbahn, die Treppen zum Westtor hinauf, in der erhobenen rechten Hand die Fackel mit dem olympischen Feuer. Neben der Ölschale verharrte er einige Momente, dann tauchte er die Fackel in die Schale, die Flamme loderte auf und die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin waren eröffnet.“ (Quelle: Darmstädter Echo, 22.06.1971)

15 Jahre später ist in der gleichen Zeitung ein Rückblick auf die „Sommerspiele unter dem Hakenkreuz“ zu finden, der mit einer Beschreibung der gleichen Szene in das Thema einführt:

„Berliner Olympiastadion, 1. August 1936, kurz vor 18:00 Uhr: Der 29 Jahre alte ehemalige Darmstädter TH-Student und ASC-Läufer Fritz Schilgen reckt den rechten Arm empor, in der Hand die olympische Fackel. Ein kurzer Gruß an die rund 80 000 Zuschauer und die auf dem Rasenfeld versammelten Athleten. Schilgen wendet sich dem Gaskessel zu, taucht die Fackel kurz hinein, das olympische Feuer brennt. Fritz Schilgen geht nach hinten in Richtung Maifeld ab. Die XI. Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin beginnen.“ (Darmstädter Echo, 02.08.1986)

Auch die Chronik „Das Jahrhundert im Taunus“ (Societätsverlag, 1999) widmet Fritz Schilgen einige Seiten. Unter der Überschrift: „Zittern mit dem Fackelträger“ findet sich der nachstehende Text:

„Fernsehen gab es noch nicht in Privathaushalten. Wer Ergebnisse wissen wollte, war auf Zeitungs- und Radioberichte angewiesen. Jede Nachricht wurde gierig aufgenommen. Man drückte Daumen, zitterte mit den deutschen Athleten und bangte mit ihnen um jeden Sieg. Wen wunderte es da noch, dass das kleine Kronberg Kopf stand, als man erfuhr, dass ein junger Mann bei der Eröffnungsfeier eine große Rolle spielen sollte. Ein Kronberger wurde ausersehen, das Olympische Feuer im Berliner Stadion anzuzünden.“

Und weiter: „Souverän meisterte er die vielen Stufen am Marathontor bis hinauf zur Schale, an der er mit der Fackel das olympische Feuer entzündete. Wenn diese Szene in Wochenschauen und später im großen Olympiafilm im Kronberger Kino gezeigt wurde, dann ließen es sich die Bürger unserer Stadt nicht nehmen, sie mit herzlichem Beifall zu begleiten.“

Die Fackel im Griff: Fritz Schilgen im Alter von 94 Jahren (Quelle: Taunuszeitung, 19.09.2000)

Das Ereignis vom 1. August 1936 wird bis heute immer wieder thematisiert. Der Begriff „Olympisches Feuer“ und der Name Fritz Schilgen werden auch in Zukunft immer wieder in einem Atemzug genannt werden. Durch seine Wahl zum letzten Fackelläufer bei den Spielen in Berlin wurde Fritz Schilgen zu einer sporthistorischen Figur, obwohl er nie an Wettkämpfen bei Olympischen Spielen teilnehmen durfte.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August erlosch das Olympische Feuer im Berliner Olympiastadion. Die Olympischen Sommerspiele 1936 waren Geschichte. Und Fritz Schilgen war ein nicht unbedeutender Teil dieser Spiele geworden.

Den silbernen Fackelhalter von 1936 hielt Fritz Schilgen bis ins hohe Alter hinein in Ehren.

Anmerkung 1: In den Berichten zum Olympischen Feuer 1936 ist mal von einer mit Öl gespeisten Flamme, dann wieder von einer Gasflamme die Rede. Tatsächlich brannte die Flamme 1936 mit Öl. Im Zuge des Stadionumbaus für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erfolgte eine Umstellung auf Gasbetrieb. Dabei waren umfangreiche Anforderungen des Denkmalschutzes zu erfüllen. Zum ersten Mal entzündet wurde die Gasflamme zur Stadioneröffnung am 31. Juli 2004.

Anmerkung 2: Fritz Schilgen war bei seinem Einsatz als Schlussläufer 29 Jahre alt.

>>> Fritz Schilgen: Darmstadt, Berlin und immer wieder Olympisches Feuer

>>> Fritz Schilgen: Die Darmstädter Zeit aus sportlicher Sicht